Keine Linie gelogen: Das Porträt im Atelier
Heike, 49 · Hagen
Ich wusste nicht, wer der Mann war, der mir den Brief schrieb. Ich wusste nur, dass ich ihn nach dem vierten Absatz nicht mehr aus der Hand legen konnte. Das war an einem Sonntag im November, in meiner Wohnung in Wehringhausen, mit einem Tee neben mir und dem Regen, der gegen das Fenster klopfte, und auf dem Bildschirm stand: „Ich habe mir vorgestellt, wie ich dich male.“
Ich heiße Heike, ich bin neunundvierzig, ich arbeite als Krankenschwester im Allgemeinen Krankenhaus in Hagen, und ich bin eine Frau, die den Blick ihrer Patienten gewohnt ist, aber nicht den eines Mannes, der sie als Kunstwerk betrachtet. Ich hatte in meinem Profil geschrieben, dass ich mich früher gern hätte malen lassen, dass es aber nie jemand angeboten habe, „weil man an mir vermutlich zu viel Leinwand braucht“. Ich hatte es als Scherz gemeint. Er hatte es nicht als Scherz gelesen.
Er hieß Andreas, zweiundfünfzig, Maler und Restaurator, mit einem Atelier im ehemaligen Elbersgelände. In seinem Brief stand, dass er sich nicht mit einem Foto begnügen wolle. „Ich sehe im Profil, dass du groß, warm und voller Leben bist. Ich möchte dich nicht schöner machen, sondern genauer sehen. Ich möchte wissen, wie das Licht über deine Schulter fällt, wenn du das Kleid herunterlässt. Ich male dich, wenn du magst. Und ich verspreche, dass keine Linie gelogen sein wird.“
Ich las diesen Absatz dreimal. Dann stand ich auf, ging zum Spiegel im Flur und sah mich an. Ich sah eine Frau mit vollen Armen, mit breiten Hüften, mit einem Bauch, der ein wenig über den Hosenbund quoll, und mit Augen, die zum ersten Mal seit Langem aufblitzten. Ich dachte: Wenn er mich so malt, wie ich mich sehe, wird das Bild ein Desaster. Wenn er mich so malt, wie er mich sieht, könnte es ein Wunder werden. Ich schrieb zurück: „Wann?“
Er antwortete am nächsten Morgen, und wir verabredeten uns für den folgenden Samstag. „Komm um fünf, wenn das Licht am schönsten ist“, schrieb er. „Und bring nichts mit außer dir.“ Ich verbrachte die ganze Woche mit einem Kribbeln im Bauch, das mich bei jedem Handgriff auf der Station begleitete. Meine Kolleginnen fragten, warum ich singe. Ich sagte: „Weil ich kann.“
In dieser Woche tat ich etwas, das ich noch nie getan hatte: Ich ging in ein Wäschegeschäft in der Innenstadt und ließ mich beraten. Die Verkäuferin, eine Frau in meinem Alter mit warmen Händen, brachte mir drei Sets in Dunkelrot, Schwarz und Champagner und sagte: „Für Kurven wie Ihre wurde Spitze erfunden.“ Ich kaufte das rote Set und trug es die ganze Woche unter dem Kittel, als geheimes Versprechen.
Am Samstag regnete es nicht. Der Himmel über Hagen war klar, und die Berge um die Stadt lagen in einem kupfernen Abendlicht, als ich vom Bahnhof durch die Straßen zum Atelier ging. Das Gelände roch nach alten Ziegeln und feuchtem Beton, und im Treppenhaus stand ein Fahrrad, an dem ein vertrockneter Blumenstrauß hing. Ich klopfte an die Tür im zweiten Stock. Sie öffnete sich, und da stand er.
Er war größer, als ich gedacht hatte, ein wenig schlaksig, mit grauem Zopf und einer Brille auf der Stirn. Seine Hände waren voller Farbe, Blau und Ocker in den Falten, und er wischte sie an der Schürze ab, bevor er meine ergriff. „Heike“, sagte er. „Du bist noch schöner, als ich mir deinen Brief vorgestellt habe.“ – „Ich habe keinen Brief geschrieben“, sagte ich. „Doch“, sagte er. „Jede Zeile in deinem Profil ist ein Brief.“
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Jetzt dicke Frauen treffenDas Atelier war ein großer Raum mit hohen Fenstern, in dem Leinwände an den Wänden lehnten. Auf einem Podest stand ein alter Sessel mit rotem Samt, und daneben ein kleiner Ofen, der behaglich knackte. Er brühte Tee auf, und wir sprachen eine Weile über Kunst. Ich gestand ihm, dass ich Emil Schumacher liebte und mit meiner Mutter oft das Museum in Hagen besucht hatte, und er erzählte, wie er als junger Mann dort seine erste Ausstellung gesehen hatte. „Schumacher hat gesagt, dass man mit der Farbe kämpfen muss“, sagte er. „Ich glaube, dass man sie streicheln muss.“
Dann wurde er still. Er stellte sich vor mich hin, ließ den Blick über mich gleiten, langsam, prüfend, und ich merkte, wie meine Wangen warm wurden. „Darf ich dich bitten, dich auf den Sessel zu setzen?“, fragte er. „Nur so, wie du dich wohlfühlst. Und wenn du magst, darfst du den Pullover ablegen.“ Ich nickte. Meine Finger zitterten, als ich ihn über den Kopf zog, und ich fühlte mich, als würde ich einen Mantel abwerfen, den ich zwanzig Jahre lang getragen hatte.
Ich sagte, dass ich nicht wisse, ob ich das kann. Er zog seinen Hocker heran, setzte sich mir gegenüber und sagte: „Du musst nichts können. Du musst nur atmen. Alles andere erledigt das Licht.“ Er erzählte mir, dass er nie eine Frau gemalt habe, die sich nicht zuerst geschämt hätte, und dass das Schönste an seiner Arbeit der Augenblick sei, in dem die Scham abfällt wie eine Schicht alter Farbe. Ich hörte zu, und mit jedem seiner Sätze wurden meine Schultern weicher.
Er malte nicht sofort. Er zündete zwei Kerzen an, schob den Sessel einen Fingerbreit ins Licht, und dann kam er zu mir, kniete sich hin und sagte: „Darf ich?“ Ich verstand nicht gleich. Dann legte er zwei Finger unter mein Kinn und hob es ein wenig an, und seine Berührung war so leicht, dass sie mich mehr elektrisierte als jede Umarmung der letzten Jahre. „Da“, flüsterte er. „Genau so. Das ist die Linie, die ich suche.“
Er malte zwei Stunden lang. Ich saß da, in Unterwäsche, in Kerzenlicht und Ofenwärme, und spürte seinen Blick auf meinen Schultern, auf meinen Armen, auf der Rundung meines Bauches, die er mit dem Pinsel nachfuhr, als sei sie ein Hügel, den er liebte. Ich hörte das Kratzen der Borsten auf der Leinwand, sein leises Summen, das Knacken des Ofens. Es war wie ein Traum, in dem ich nichts tun musste außer da zu sein. Ich war nie zuvor so ruhig, und nie so wach.
Als er den Pinsel weglegte, stand er auf, kam zu mir und reichte mir die Hand. „Willst du sehen?“, fragte er. Ich stand auf, zog seine Strickjacke über und stellte mich vor die Leinwand. Da war eine Frau, groß und weich, die Haut in Gold und Rot getaucht, mit einem Blick, der den Betrachter herausforderte. Sie sah aus, als wüsste sie etwas, das alle anderen vergessen hatten. „Das bin ich?“, flüsterte ich. „Das bist du“, sagte er. „Und ich habe kaum etwas dazugetan.“
Ich weinte ein wenig, dann lachte ich, dann küsste ich ihn, und er ließ die Farbe an meinen Händen verschmieren, ohne sich zu beklagen. Seine Arme schlossen sich um mich, der Geruch von Terpentin und Tee stieg mir in die Nase, und wir sanken beinahe in den roten Sessel, zwischen Pinsel und Kerzenlicht. Der Rest der Nacht ist mit dem Schleier bedeckt, den man Anstand nennt, aber ich verrate, dass ich am nächsten Morgen mit blauen Farbresten am Ellbogen aufwachte und darüber nicht einmal böse war.
Das Bild hängt heute in meinem Wohnzimmer in Wehringhausen, direkt über dem Sofa. Besucher fragen, wer die Frau sei, und ich sage: „Das ist die, die ich immer sein wollte.“ Andreas und ich sehen uns jedes Wochenende, und er hat begonnen, eine ganze Reihe von Bildern zu malen, alle mit Frauen, die er auf der Straße sieht und die niemand sonst bemerkt. Wenn du in Hagen lebst und glaubst, dass man dich nicht so sehen kann, wie du wirklich bist, schreib zurück. Es gibt Männer, die mit dem Blick malen, und sie warten genau auf Frauen wie dich.







