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Nicht nur ansehen: Ein klarer Satz an der Elbe

Merle, 36 · Hamburg

Ich habe mir angewöhnt, Dinge auszusprechen, bevor jemand anderes sie denken kann. „Ich bin groß, ich bin rund, ich bin laut, und ich hasse Small Talk“, so steht es in meinem Profil, direkt neben dem Bild von mir mit Fischbrötchen am Hafen. Ich heiße Merle, ich bin sechsunddreißig, ich arbeite als Disponentin in einer Spedition in Hamburg-Wilhelmsburg, und ich habe keine Lust mehr auf Männer, die um den heißen Brei herumreden.

An einem Donnerstag im Oktober schrieb mir einer, der das offenbar genauso sah. Er hieß Tobias, achtunddreißig, Tontechniker, und seine erste Nachricht bestand aus genau drei Sätzen. „Du gefällst mir. Ich mag Frauen mit Kurven, und ich sage das ohne Umschweife. Hast du morgen Abend Lust auf ein Bier an der Elbe?“ Ich las das zweimal und stellte fest, dass ich lächelte, ohne es zu merken. Kein Herumgedruckse, keine dreißig Fragen nach meinen Hobbys. Einfach eine Ansage.

Ich antwortete: „Morgen ist gut. Aber ich will keine Spielchen. Wenn du mich nur ansehen willst, kannst du dir auch ein Foto ausdrucken.“ Er schrieb: „Ich will nicht nur ansehen.“ Ich starrte auf diese fünf Worte, und irgendetwas in meinem Bauch machte einen kleinen Satz. Wir verabredeten uns auf sieben Uhr am Ende der Landungsbrücken, dort, wo die Fähren anlegen und der Wind vom Wasser hochweht.

Am nächsten Tag hatte ich Schichtende um halb fünf und fuhr mit der S-Bahn nach Hause, um mich umzuziehen. Ich probierte drei Outfits, bevor ich beim vierten landete: eine enge dunkle Jeans, die meine Oberschenkel nicht entschuldigt, dazu ein tiefroter Pullover mit V-Ausschnitt, den ich mal im Ausverkauf mitgenommen und nie angezogen hatte, weil ich dachte, er sei zu viel. An diesem Abend war er genau richtig. Ich legte meine Kette um, tupfte Parfum hinter die Ohren und dachte: Wenn er ein Idiot ist, weiß ich es in fünf Minuten.

Er war kein Idiot. Er stand an der Reling, die Hände in den Taschen einer Lederjacke, groß, dunkelblond, mit einem breiten Gesicht und Augen, die sofort zu mir herüberfanden, als ich die Treppe hochkam. Er sah mich an, von oben bis unten, langsam und ohne Scheu, und ich wartete auf den Moment, in dem sein Blick wegzuckt. Er zuckte nicht. Er kam auf mich zu und sagte: „Merle. Du siehst besser aus als auf den Fotos, und die waren schon gut.“

„Danke“, sagte ich. „Du hast einen Satz gebraucht. Das ist ein guter Anfang.“

„Ich habe eigentlich mehr“, sagte er. „Aber ich will nicht alles auf einmal verschießen.“

Wir mussten beide grinsen. Er hielt mir zwei Fischbrötchen hin, in Papier gewickelt, und ich lachte laut, weil er offenbar mein Foto genau studiert hatte. „Backfisch oder Matjes?“, fragte er. „Beides“, sagte ich, „und ich will nicht teilen.“ Er schüttelte den Kopf und sagte: „Du bist genau so, wie du geschrieben hast.“

Wir gingen am Wasser entlang, vorbei an den Hafenkränen, die als schwarze Silhouetten vor dem letzten Licht standen, und kamen ins Reden. Nicht in dieses zähe Abtasten, das ich von früheren Dates kannte, sondern in ein Gespräch, in dem jeder Satz ein bisschen näher rückte. Er fragte, was mir an Männern gefällt. Ich sagte: „Hände. Ruhe. Und dass sie sich nicht schämen, wenn sie mich anfassen wollen.“ Er hob die Augenbrauen und sagte: „Das kriege ich hin.“

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Er erzählte, dass er in Ottensen wohnte, in einer Altbauwohnung über einer Bäckerei, und dass er mit seiner letzten Freundin nach vier Jahren Schluss gemacht hatte, weil sie ständig an ihm herumkritisiert hatte. „Sie wollte, dass ich anders werde“, sagte er. „Ich wollte, dass sie mich einfach lässt.“ Ich sagte: „Bei mir ist es umgekehrt. Ich bin so oft gefragt worden, ob ich nicht ein bisschen abnehmen möchte, dass ich irgendwann aufgehört habe zu antworten.“ Er blieb stehen, sah mich an und sagte: „Ich will nicht, dass du irgendwas abnimmst. Ich will, dass du das nächste Mal, wenn du in einen Raum kommst, ganz selbstverständlich die Tür aufstößt.“

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so klar gehört habe, dass jemand mich meint. Ich hatte einen Kloß im Hals, und zugleich war mir warm bis in die Fingerspitzen. Wir setzten uns auf eine Bank an der Elbe, die Lichter von Övelgönne blinkten am anderen Ufer, und eine Fähre schob sich gemächlich durch das dunkle Wasser. Sein Arm lag lässig hinter mir auf der Bank, dicht an meinem Rücken, und doch blieb er auf Abstand und wartete. Das war das Gute an ihm: Er wartete, bis ich selbst näher rückte.

Also rückte ich näher. Ich lehnte den Kopf an seine Schulter, roch Leder und Salzluft und etwas Warmes darunter, und dann drehte ich das Gesicht zu ihm hoch. „Sag es“, flüsterte ich. „Was?“ – „Was du mit ‚nicht nur ansehen‘ gemeint hast.“ Er lächelte. „Ich wollte wissen, wie du schmeckst“, sagte er. „Und ob du auch so direkt küsst, wie du schreibst.“

Er küsste mich zuerst. Es war ein langer, ruhiger Kuss, und ich spürte, wie seine Hand an meinen Rücken glitt und dort liegen blieb, fest, warm, ohne zu drängen. Als er mich losließ, atmete ich hörbar aus. „Und?“, fragte ich. „Und was?“ – „Wie schmecke ich?“ Er lachte leise. „Nach Matjes“, sagte er, „und nach mehr.“

Wir liefen noch eine Weile am Wasser entlang, bis es kalt wurde. Vor dem Fischmarkt, wo um diese Zeit nur die Möwen lärmen, blieb er stehen und sagte etwas, das ich mir nie gewünscht hätte, aber heimlich immer gehofft hatte: „Ich möchte heute Nacht nicht allein nach Hause fahren. Und ich glaube, du auch nicht. Aber du entscheidest.“ Ich hätte höflich sein können. Ich hätte sagen können, dass ich noch überlegen muss. Stattdessen sagte ich: „Meine Wohnung ist zwanzig Minuten mit dem Taxi. Ich habe Wein da und keine Ausreden.“

Im Taxi hielt er meine Hand auf seinem Knie, und ich beobachtete im Rückspiegel den Fahrer, der so tat, als höre er nichts. Wir sprachen kaum. Draußen zogen die Lichter der Stadt vorbei, Reeperbahn, Sternschanze, dann die dunkleren Straßen im Süden, und in mir baute sich eine Spannung auf, die ich fast vergessen hatte. Als wir vor meinem Haus ausstiegen, zog er mich an sich, mitten auf dem Gehweg, und flüsterte mir etwas ins Ohr, das ich hier nicht wiederholen werde. Ich lachte, und mir wurden die Knie weich.

Ab da darf die Geschichte ruhig im Dunkeln bleiben. Nur so viel: Der Wein blieb an diesem Abend ungeöffnet, mein roter Pullover landete über der Stuhllehne, und er bewies mir, dass ein Mann, der klar sagt, was er will, auch klar zeigen kann, was er meint. Er ließ sich Zeit mit mir, so viel Zeit, dass ich irgendwann aufhörte, mitzuzählen, und ich vergaß zum ersten Mal seit Jahren, meinen Bauch einzuziehen.

Am Morgen kochte er Kaffee in meiner engen Küche, in Boxershorts und mit zerzausten Haaren, und pfiff dabei falsch. „Du pfeifst schrecklich“, sagte ich. „Ich weiß“, sagte er. „Aber ich pfeife nur, wenn ich glücklich bin.“ Ich lehnte mich an den Türrahmen, das Bettlaken um den Körper gewickelt, und dachte: So einfach kann es sein. Man schreibt, was man ist. Man sagt, was man will. Und irgendwo in der Stadt sitzt jemand, der genau darauf gewartet hat.

Wir sehen uns seither fast jede Woche. Mal an der Elbe, mal bei ihm in Ottensen, und einmal sind wir spontan nach Cuxhaven gefahren, nur um am Strand Pommes zu essen. Ich habe mein Profil nicht geändert. Der Satz mit dem Small Talk steht noch immer da, und wenn mich Freundinnen fragen, ob das nicht zu direkt ist, sage ich: Direkt ist genau richtig. Wer in Hamburg lebt und keine Zeit mehr für Umwege hat, sollte es einfach probieren, denn manchmal reicht ein einziger klarer Satz, um den Abend deines Lebens zu beginnen.

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