Die schönsten Klingen haben eine Kurve
Annette, 53 · Solingen
Die Wahrheit ist: Ich hatte den Termin schon vergessen, als mein Handy vibrierte. Ich stand im Flur meiner Wohnung in Solingen-Ohligs, mit einem Handtuch um den Kopf und einem Bügeleisen in der Hand, und versuchte, ein Hemd zu retten, das ich zum dritten Mal in dieser Woche falsch gefaltet hatte. Auf dem Display stand: „Bist du noch da? Ich sitze jetzt am Tisch und bestelle schon mal zwei Gläser.“ Ich sah auf die Uhr. Zwanzig nach sechs. Wir waren um sechs verabredet gewesen.
Ich heiße Annette, ich bin dreiundfünfzig, ich arbeite als Sachbearbeiterin bei den Stadtwerken, und ich hatte an diesem Tag ausgerechnet meinen ersten richtigen Abend seit drei Jahren vergessen. Ich tippte: „Bin unterwegs. Wirklich. Ich hab nur das Gesetz der Bügelwäsche unterschätzt.“ Er antwortete: „Lass dir Zeit. Der Wein wird nicht schlechter.“ Ich warf das Handtuch aufs Sofa, schlüpfte in das erstbeste Kleid, ein schwarzes, das ich vor Jahren in Düsseldorf gekauft hatte, und rannte die Treppe hinunter.
Bis zum Restaurant am Graf-Wilhelm-Platz sind es zu Fuß zwölf Minuten. Ich schaffte es in acht, wobei ich vor dem Eingang stehen blieb, um Luft zu holen, und in der Spiegelung der Scheibe kurz meine Figur prüfte. Ich bin nicht schmal. Ich habe breite Hüften, einen weichen Bauch, Oberarme, die ich lange versteckt habe, und einen Busen, der schon in der Schule Gesprächsthema war. Ich atmete durch, rückte den Ausschnitt zurecht, ließ die Schultern sinken und ging hinein.
Am Fenster wartete er, und kaum sah er mich, erhob er sich hastig. Er hieß Rüdiger, siebenundfünfzig, Metallbauer in einer Schneidwarenfabrik, ein Mann mit großen Händen und einem Blick, der sofort warm wurde. „Annette“, sagte er. „Du bist genau zwanzig Minuten zu spät. Ich habe die Zeit genutzt und mir überlegt, was ich dir sage, damit du nicht sofort wieder gehst.“ – „Und? Was ist dabei herausgekommen?“ – „Nichts. Ich habe dich gesehen und alles vergessen.“
Ich lachte und setzte mich. Auf dem Tisch standen zwei Gläser Rotwein und ein Körbchen mit Brot, und er hatte, ohne mich zu fragen, schon das Gericht bestellt, das in meinem Profil unter „Lieblingsessen“ steht: Rheinischen Sauerbraten mit Klößen. „Du hast gut recherchiert“, sagte ich. „Ich habe gut gelesen“, sagte er. „Dein Profil ist das Ehrlichste, was mir in einem Jahr Onlinedating begegnet ist.“
Wir tranken, wir aßen, wir erzählten. Er sprach von seiner Werkstatt, in der er Messer für Köche schmiedete, mit einem Stolz, den er nicht ausstellte, und ich sprach von meiner Arbeit, von den Zählerständen und den Beschwerdebriefen, und von den vielen Jahren, in denen ich mich hinter Aktenordnern versteckt hatte. Er fragte, warum. Ich sagte: „Weil ich irgendwann geglaubt habe, dass eine Frau mit meiner Figur eben unsichtbar sein muss.“ Er stellte sein Glas ab und sah mich an. „Da hat dich jemand schlecht beraten“, sagte er.
Zwischen Hauptgang und Nachtisch merkte ich, wie gut es tat, nicht zu performen. Er sah nicht auf sein Handy, er sah nicht auf die anderen Frauen im Lokal, er sah auf mich, und wenn ich etwas Komisches sagte, lachte er mit dem ganzen Oberkörper. Als die Kellnerin fragte, ob wir noch einen Nachtisch wollten, sagte ich: „Ja, das Schokoküchlein.“ Und er sagte: „Zwei Löffel bitte.“ Ich hatte mir jahrelang eingeredet, dass ein Nachtisch vor einem Mann eine Art Geständnis sei. An diesem Abend war er nur ein Vergnügen.
Nach dem Essen wollte er mir etwas zeigen. Wir gingen durch die Abendluft, quer durch Ohligs, dann mit dem Bus hinunter in die Innenstadt und weiter zu Fuß Richtung Klingenmuseum in Gräfrath, wo er in seiner Jugend oft gewesen war. Der Weg war länger, als ich dachte, und ich hatte die falschen Schuhe an, aber ich merkte es kaum. Er erzählte, wie Stahl entsteht, wie man ihn glüht, biegt, schleift, und wie man an der Form eines Messers erkennt, ob es mit Liebe gemacht wurde. „Die schönsten Klingen haben eine Kurve“, sagte er. „Eine gerade Linie schneidet nicht gut. Eine Kurve trägt das Gewicht.“
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Jetzt dicke Frauen treffenIch sah ihn von der Seite an. „Sagst du das jetzt, weil du mir schmeicheln willst?“ – „Ich sage das, weil es stimmt“, antwortete er. „Und weil ich seit dem Sauerbraten nichts anderes denken kann, als dass du eine wunderbare Kurve bist.“ Ich blieb mitten auf dem Weg stehen, und meine Wangen wurden heiß. „Rüdiger“, sagte ich. „Das war ziemlich kitschig.“ – „Ich weiß“, sagte er. „Aber es hat gewirkt.“
Es hatte gewirkt. Ich trat auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Brust, spürte durch den Stoff seines Hemdes den Herzschlag, der kräftiger war, als ich erwartet hatte. Er zog mich an sich, umschloss meine Taille, und seine Hände wanderten langsam an meinen Seiten hinunter, über die Hüften, als würde er die Form einer Sache prüfen, die er schätzt. Ich seufzte, ich kann nichts dafür, und er lächelte gegen meine Stirn. „Alles gut?“, fragte er. „Mehr als gut“, sagte ich. „Wenn du aufhörst, bringe ich dich um.“
Er hörte nicht auf. Wir küssten uns vor dem Museum, im Schatten eines Baumes, ein Kuss nach dem anderen, und dazwischen sagte er Dinge wie: „Ich könnte das die ganze Nacht machen“ und „Hast du eine Ahnung, wie schön du bist?“, und ich antwortete zum ersten Mal in meinem Leben nicht mit einer Ausrede, sondern mit einem schlichten „Ja“. Es tat gut, so etwas zu sagen. Es tat unglaublich gut.
Auf dem Rückweg blieben wir an einer Brücke stehen, unter der die Wupper dunkel und träge dahinfloss. Er erzählte von seiner Scheidung, die ihn zwei Jahre gekostet hatte, und ich erzählte von meinem Mann, der mich vor vier Jahren wegen einer Kollegin verlassen hatte, die Kleidergröße 36 trug und das bei jeder Gelegenheit erwähnte. Wir schwiegen eine Weile nebeneinander. Dann nahm er meine Hand und sagte: „Ich glaube, wir haben beide lange genug gewartet.“
Irgendwann wurde es kühl, und er legte mir sein Jackett um die Schultern. Es roch nach Metall, Seife und einem Hauch Zigarre, und ich zog es enger um mich. „Wohin jetzt?“, fragte er. „Meine Wohnung liegt in Ohligs“, sagte ich. „Sie ist unaufgeräumt, und auf dem Sofa liegt ein nasses Handtuch. Aber sie hat ein Bett, und das Bett hat frische Wäsche.“ Er hielt kurz inne, und dann lachte er so laut, dass ein Hund in der Nähe bellte. „Ich liebe dein Handtuch schon jetzt“, sagte er.
Wir nahmen ein Taxi, weil meine Füße es nicht mehr aushielten. Im Hausflur küsste er mich noch einmal, diesmal fester, beinahe hungrig, und ich hörte mich selbst leise stöhnen, was mir überhaupt nicht peinlich war. Was hinter der Wohnungstür geschah, bleibt zwischen uns, aber ich verrate so viel: Das Kleid lag bald auf dem Boden, das Handtuch auch, und ein Mann mit großen Händen bewies mir, dass man einen Körper wie meinen nicht bloß aushalten, sondern verehren kann. Ich vergaß die Bügelwäsche, ich vergaß die Stadtwerke, ich vergaß sogar meinen Namen für einen kurzen, wunderbaren Augenblick.
Früh am Morgen schlug ich als Erste die Augen auf. Die Sonne fiel durch die Vorhänge, und ich betrachtete ihn, wie er neben mir schlief, einen Arm über den Kopf gelegt, mit einem Gesicht, das im Schlaf noch jünger aussah. Ich dachte: Wie nah ich daran war, die Nachricht zu ignorieren. Wie nah ich daran war, die Bügelwäsche wichtiger zu nehmen als den Mann, der geduldig am Tisch wartete.
Wir treffen uns bis heute, er bringt mir jede Woche ein kleines Messer aus seiner Werkstatt, das er nicht verkaufen darf, weil es angeblich einen Fehler hat, den ich nie finde. Ich glaube, es sind Liebesbriefe aus Stahl. Wenn du in Solingen lebst und denkst, dass du zu rund für einen Neuanfang bist, dann denk an ein Messer: Die besten haben eine Kurve. Und manchmal kommt man erst zu spät, damit man genau im richtigen Moment ankommt.







