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Vivienne für einen Abend: Das Spiel am Kanal

Sabine, 47 · Herne

Mein Profiltext in Herne besteht aus einer einzigen Zeile, und bis sie stand, brauchte ich drei ganze Wochen: „Ich bin eine Frau mit Kurven und Fantasie. Wer nur eines davon sucht, wird mit mir nicht glücklich.“ Ich heiße Sabine, ich bin siebenundvierzig, ich leite eine kleine Apotheke in Wanne-Eickel, und über meinen Alltag wissen die meisten Leute alles. Über meine Fantasie wusste bis zu diesem Herbst kaum jemand etwas.

Es begann mit einer Nachricht am Dienstagabend. „Ich habe deine Zeile gelesen und habe seitdem eine Frage“, schrieb ein gewisser Markus, fünfzig, Fahrdienstleiter bei der Bahn. „Was würdest du tun, wenn ich dich für einen Abend in eine andere Frau verwandeln dürfte?“ Ich lag auf dem Sofa, eine Wärmflasche im Rücken, und mein Herz schlug plötzlich so laut, dass ich es im Hals spürte. Ich schrieb: „Kommt darauf an, in welche.“ Er schrieb: „Das erfährst du, wenn du morgen um acht am Bahnhof Herne bist.“

Ich hätte absagen sollen. Ich bin nicht der Typ, der sich am Mittwochabend mit einem Unbekannten am Gleis trifft, nur weil er geheimnisvoll klingt. Aber ich sagte nicht ab. Ich stand am Mittwoch nach Feierabend vor meinem Kleiderschrank und suchte nach etwas, das zu einer anderen Frau passte. Ich fand ein dunkelgrünes Samtkleid mit tiefem Rücken, das ich einmal zu einer Hochzeit getragen und nie wieder angezogen hatte, weil ich fand, es zeige zu viel. Ich zog es an, drehte mich vor dem Spiegel und dachte: Heute zeigt es genau so viel, wie es soll.

Um acht stand ich am Bahnhof, im Mantel, mit klopfendem Herzen. Die Anzeigetafel flackerte, ein Regionalzug fuhr ein, und aus dem Gedränge löste sich ein Mann mit grauem Haar, einem langen Mantel und einem Blumenstrauß, den er wie eine Fahrkarte in der Hand hielt. „Sabine?“, fragte er. „Ich bin Markus. Und ich habe mir erlaubt, mir einen Plan auszudenken.“

„Was für einen Plan?“

„Wir spielen ein Spiel. Heute bist du eine Frau, die gerade in Herne angekommen ist, nur für einen Abend, und ich bin ein Fremder, der ihr die Stadt zeigt. Wir kennen uns nicht. Wir haben nie miteinander geschrieben. Alles ist neu.“

Ich musste lachen, und dann merkte ich, dass ich es sofort wollte. „Und wie heiße ich?“, fragte ich. „Das bestimmst du“, sagte er. Ich überlegte kurz. „Vivienne“, sagte ich, und es fühlte sich an, als würde ich ein Kleid überstreifen, das mir schon immer gepasst hatte. „Sehr angenehm, Vivienne“, sagte er und küsste meine Hand, und ein Schauer lief mir den Arm hinauf.

Auf dem Weg zum Ausgang blieb er vor einem Kiosk stehen und kaufte mir, ohne zu fragen, eine Tüte gebrannte Mandeln, wie man sie sonst nur auf der Cranger Kirmes bekommt. „Für Vivienne“, sagte er. „Damit sie sich in Herne wie zu Hause fühlt.“ Ich aß eine Mandel nach der anderen und merkte, dass mir das Naschen vor einem Mann zum ersten Mal nicht unangenehm war. Er sah mir zu, als sei ich die interessanteste Frau der Stadt, und vielleicht war ich das an diesem Abend auch.

Wir gingen die Bahnhofstraße hinunter, an den erleuchteten Schaufenstern vorbei, und er spielte seine Rolle mit einem Ernst, der mich beinahe zum Lachen gebracht hätte. Er erklärte mir mit großer Geste die Geschichte der Stadt, die ich seit meiner Geburt kannte: das Schloss Strünkede, die alten Zechen, die Emscher, die man einst als offene Kloake gebaut hatte und die heute renaturiert wurde. Ich fragte ihn Dinge, die ich längst wusste, und er antwortete, als sei es das erste Mal. Nach einer Viertelstunde vergaß ich, dass wir spielten.

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Er führte mich zum Rhein-Herne-Kanal, wo die Lastkähne ihre Lichter in das schwarze Wasser warfen und das Brummen der Motoren über den Uferweg kroch. Wir setzten uns auf eine Bank, und er zog eine Thermoskanne aus dem Mantel. „Glühwein“, sagte er. „Ich habe ihn selbst gemacht. Mit Zimt und einem Hauch Orange.“ Ich nahm den Becher in beide Hände, wärmte mich daran und sah aufs Wasser. „Vivienne“, sagte er leise, „darf ich dir eine Frage stellen?“ – „Natürlich.“ – „Was wünschst du dir von einem Mann, wenn niemand zuhört?“

Ich sagte lange nichts. Dann hörte ich mich sagen: „Dass er mich ansieht, ohne dass ich mich erklären muss. Dass er mich berührt, als wäre ich aus Glas und aus Feuer zugleich. Dass er sich Zeit nimmt.“ Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. So hatte ich noch nie mit jemandem gesprochen. „Und dass er mir zuflüstert, was er mit mir vorhat, bevor er es tut.“

Er antwortete nicht sofort. Er stellte den Becher neben sich, rückte näher und legte eine Hand in meinen Nacken, ganz leicht, mit den Fingerspitzen. „Vivienne“, flüsterte er. „Ich habe viel vor.“ Und dann sagte er mir ins Ohr, mit einer tiefen, ruhigen Stimme, was er sich vorstellte: dass er mir den Mantel von den Schultern schieben würde, langsam, dass er den Reißverschluss meines Kleides mit einem einzigen Finger hinunterfahren würde, dass er sich Zeit nähme für jede Rundung, die ich so lange versteckt hatte. Ich schloss die Augen. Mein Atem ging schnell. Er hatte noch nichts getan, und ich zitterte.

Das Schönste an diesem Abend war, wie er mit meiner Aufregung umging. Er nahm sie nicht weg, er drängte nicht, er lachte nicht darüber. Er fütterte sie mit kleinen Sätzen, mit Blicken, mit einer Hand, die kurz auf meinem Knie ruhte und dann wieder verschwand. Ich lernte, dass Spannung ein Geschenk sein kann, wenn man sie mit jemandem teilt, der sie zu schätzen weiß.

Der Kuss kam spät, nachdem er mich fast zu lange hatte warten lassen. Er schmeckte nach Zimt und Orange, nach Wärme, und er ließ mich nicht los, bis ich ihm die Hand auf die Brust legte und sagte: „Nicht hier. Ein Schleppkahn fährt gerade vorbei.“ – „Sollen sie doch gucken“, sagte er, aber er stand auf, half mir hoch und legte den Arm um meine Taille. „Wohin bringt der Fremde die Dame?“

„Zu mir“, sagte ich, und es war das erste Mal, dass Vivienne und Sabine dasselbe wollten. Wir gingen zum Taxistand und fuhren durch das nächtliche Herne, vorbei an leeren Kreuzungen, an den beleuchteten Fenstern der Reihenhäuser, an der Kirche mit dem grünen Dach. Er hielt meine Hand und fuhr mit dem Daumen langsam über jeden meiner Knöchel und sprach die ganze Fahrt lang im Flüsterton weiter, immer in der Rolle, immer in dieser Fantasie, die er mir zu Füßen legte wie einen Teppich.

Was in meiner Wohnung geschah, gehört Vivienne. Ich verrate nur, dass ich noch nie so lange in einem Kleid gestanden habe, das nicht mir gehörte und das ich doch am liebsten nie wieder ausgezogen hätte, bis er es ausgezogen hat. Er sprach mit mir, er sah mich an, und jedes Mal, wenn ich schüchtern werden wollte, sagte er nur: „Vivienne würde das nicht tun“, und ich schämte mich nicht mehr. Am Ende der Nacht ruhte mein Kopf auf seiner Brust, und ich hörte sein Herz, und wir lachten leise über nichts Besonderes.

Am Morgen stand er in meiner Küche, in seinem Hemd von gestern, und suchte die Kaffeedose. „Guten Morgen, Sabine“, sagte er. Ich hielt inne. „Du hast mich Sabine genannt“, sagte ich. „Vivienne hat dir gestern Nacht gefallen“, sagte er. „Aber ich möchte auch die andere kennenlernen. Die mit dem Apothekerkittel und dem Talent für schlechten Kaffee.“ Ich lachte, weil er recht hatte, und weil es mich mehr rührte, als ich zugeben wollte.

Wir sind bis heute zusammen. Manchmal, an einem Mittwochabend, wenn ich aus der Apotheke komme, wartet er am Bahnhof Herne mit einem Blumenstrauß, und wir spielen wieder. Mal bin ich Vivienne, mal eine Ärztin auf der Durchreise, mal die geheimnisvolle Fremde am Kanal. Und weißt du, was ich gelernt habe? Dass Fantasie kein Ersatz für die Wirklichkeit ist. Sie ist der Schlüssel dazu. Wer in Herne lebt und weiß, dass in ihm mehr steckt, als der Alltag zeigt, sollte den Mut haben, eine Nachricht zu beantworten. Vielleicht wartet am anderen Ende jemand, der die andere Frau in dir schon sehen kann.

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