Nass werden darf alles: Ein Ja auf der Oker
Nadine, 39 · Braunschweig
Ich habe Nein gesagt, obwohl mein Körper längst Ja gesagt hatte. Das war der erste Fehler an diesem Freitagabend in Braunschweig, und er dauerte genau vier Minuten. Dann schrieb ich: „Okay. Ich komme. Aber wenn das ein schlechter Witz ist, schubse ich dich in die Oker.“ Er antwortete mit einem Smiley und einem Wort: „Gewagt.“
Ich heiße Nadine, ich bin neununddreißig, ich arbeite als Grafikerin in einer Agentur nahe dem Kohlmarkt, und ich hatte an diesem Tag zum vierten Mal in Folge die Chance gehabt, ein aufregendes Wochenende auszuschlagen. Diesmal hatte mich ein Mann eingeladen, den ich erst seit einer Woche kannte. Er hieß Felix, vierundvierzig, Tauchlehrer und Kajakführer, und er hatte mir geschrieben: „Ich zeige dir heute Abend die Stadt, wie sie nur wenige sehen. Zieh etwas an, das nass werden darf. Und etwas darunter, das du niemandem zeigst außer mir.“
Ich bin keine Frau, die spontan aufs Wasser geht. Ich bin eine Frau, die vor jedem Schwimmbadbesuch zehn Minuten in der Umkleide steht und ihre Oberschenkel in eine Richtung schiebt, in der sie weniger auffallen. Aber dieser Satz, das Wort „nass“, dazu das Wort „darunter“, hatten etwas in mir geweckt, das ich seit Jahren im Winterschlaf wähnte. Ich zog einen schwarzen Badeanzug an, darüber eine Leggings und ein weites Hemd, packte ein Handtuch ein und stand um sieben Uhr am Bootsverleih an der Okerumflut.
Er wartete mit zwei Kajaks am Steg, in einem engen Neoprenshirt, das seine breiten Schultern betonte. Er war sonnengebräunt, hatte kurzes dunkles Haar und lachende Fältchen um die Augen, und er grinste, als er mich sah. „Du bist gekommen“, sagte er. „Ich habe mit fünfzig Prozent gerechnet.“ – „Ich auch“, sagte ich. „Zwanzig Prozent davon waren Feigheit.“ Er reichte mir eine Schwimmweste und sagte: „Die Feigheit lassen wir am Ufer.“
Das Kajak schwankte unter mir, als ich einstieg, und ich lachte nervös. Er hielt meine Hand, bis ich saß, und ließ sie erst los, als ich das Paddel im Griff hatte. Dann stieß er sich ab, und wir glitten hinaus auf das dunkle, glatte Wasser. Die Oker wand sich durch die Stadt wie ein Band, an dem die Häuser aufgereiht waren, und über uns ragten die Bäume der Wallanlagen. Im letzten Licht sah ich die Kuppel des Schlosses und die Fassaden der Altstadt, die von hier unten ganz anders aussahen als vom Gehweg aus.
Ich muss gestehen, dass ich in den ersten zehn Minuten nur an den Moment dachte, in dem ich kentern würde. Ich stellte mir vor, wie ich in meiner Leggings im trüben Wasser strample, während er mich mit Schwimmweste und gutem Zureden aus der Oker fischt. Aber es geschah nichts dergleichen. Das Boot trug mich, das Paddel folgte meinen Armen, und mit jedem Schlag wurde ich ruhiger. Ich lernte, dass man sich nicht festhalten muss, um nicht unterzugehen.
Er paddelte neben mir und erzählte leise, wie es sich anfühlt, nachts allein unter Wasser zu sein, in einem See, den niemand kennt. „Man hört nur seinen eigenen Atem“, sagte er. „Und man merkt, dass man viel mehr aushalten kann, als man glaubt.“ Ich schwieg und hörte dem Plätschern zu. Ich dachte an meine Oberschenkel, an meinen Bauch, an all die Dinge, die ich am Nachmittag noch verstecken wollte, und stellte fest, dass mich hier draußen niemand ansah außer einer Ente.
Wir fuhren unter niedrigen Brücken hindurch, und einmal musste ich mich so weit nach hinten lehnen, dass mein Rücken fast das Boot berührte. Felix hielt mit seinem Paddel meine Schulter, damit ich nicht kippte, und in dem engen Raum zwischen Wasser und Stein war sein Gesicht plötzlich ganz nah. „Alles gut?“, fragte er. „Mir ist heiß“, sagte ich, und es war die Wahrheit. Er lachte tief, und der Klang hallte unter dem Bogen.
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Jetzt dicke Frauen treffenBei einem stillen Seitenarm legte er an, half mir aus dem Kajak und breitete auf dem Gras eine Decke aus. Er hatte alles mitgebracht: eine Flasche Weißwein, zwei Gläser aus Plastik, dunkle Schokolade und eine Taschenlampe. Es war jetzt fast völlig dunkel, und nur das Licht der Laternen auf den Brücken zeichnete goldene Streifen auf das Wasser. Ich zog das nasse Hemd aus, weil es mir kalt war, und hörte, wie er einen Atemzug lang aufhörte zu reden.
„Nadine“, sagte er. „Du weißt, dass du wunderschön bist?“ Ich saß im Badeanzug auf der Decke, mit nassen Haaren und Gänsehaut, und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht wie eine Frau, die zu viel ist, sondern wie eine, die genau richtig ist. „Sag es noch mal“, flüsterte ich. „Du bist wunderschön“, sagte er. „Und ich würde dich gern küssen, wenn du mich lässt.“ Ich ließ ihn.
Er erzählte mir, während wir auf der Decke lagen, von der Nacht, in der er zum ersten Mal ganz allein durch die Wälder bei Riddagshausen gelaufen war, mit nichts als einer Taschenlampe und einem Kompass. „Ich hatte Angst“, sagte er. „Und ich habe mir geschworen, nie wieder so zu leben, dass die Angst entscheidet.“ Ich hörte ihm zu, und in meinem Kopf sortierte sich etwas neu. Wie oft hatte ich Nein gesagt, nur weil die Angst so laut war? Wie viele Einladungen lagen hinter mir wie ungeöffnete Briefe?
Wir kamen später auf dem Rückweg am Burgplatz vorbei, wo der steinerne Löwe im Licht der Straßenlaternen wachte, und Felix blieb stehen, legte die Hand an sein Maul und sagte feierlich: „Er hat uns gesehen. Jetzt gibt es kein Zurück.“ Ich lachte so sehr, dass ich mich an seinem Arm festhalten musste, und dann küsste ich ihn mitten auf dem Platz, ohne mich umzusehen, ohne zu fragen, ob es jemand bemerkte.
Er küsste mich wie jemand, der gern taucht: tief, ruhig, mit langem Atem. Seine Hände waren kühl von der Luft und warm von der Haut, und sie erkundeten meine Schultern, meine Arme, meine Hüften mit einer Neugier, die ich als Kompliment empfand. Ich legte mich zurück auf die Decke, die Sterne über mir und der Wein neben mir, und dachte an all die vernünftigen Freitagabende, die ich verbracht hatte, allein, mit Serien und Tee. Ich war noch nie so froh gewesen, dass ich vernünftig gescheitert war.
Was danach am Ufer geschah, bleibt im Dunkeln, so wie es sich gehört, aber ich kann sagen, dass wir irgendwann lachend im Wasser standen, bis zu den Knien, weil er mir versprochen hatte, dass ich mich traue, und ich mich getraut habe. Das Wasser war eiskalt, und ich schrie, und er hielt mich fest, und in der Kälte war nur noch seine Wärme. Wir paddelten spät zurück, mit zitternden Armen, glücklich wie Kinder.
Auf dem Rückweg zu meiner Wohnung, in der Nähe des Magniviertels, gingen wir zu Fuß. Ich trug seine Jacke und in der Hand meine nassen Schuhe, und wir kamen an den erleuchteten Fenstern der Kneipen vorbei, in denen die Leute lachten und tranken. Vor meiner Tür blieb er stehen und sah mich an. „Kommst du morgen früh mit nach Riddagshausen?“, fragte er. „Ich zeige dir dort die Teiche, wenn der Nebel darüber liegt.“ – „Dann muss ich heute Nacht nicht schlafen“, sagte ich. „Nein“, sagte er. „Musst du nicht.“
Wir sind in dieser Nacht nicht sehr weit gekommen, weder mit dem Schlafen noch mit dem Reden, und am Morgen standen wir wirklich im Nebel an den Teichen und tranken Kaffee aus einem Stahlbecher. Seitdem bin ich nicht mehr dieselbe. Ich habe einen Kajakkurs gemacht, ich schwimme im See, ohne nachzudenken, und ich trage den Badeanzug jetzt auch ohne Leggings. Wenn du in Braunschweig lebst und eine Einladung bekommst, die dich zittern lässt, dann sag nicht vier Minuten lang Nein. Manche Abenteuer beginnen mit einem einzigen Ja.







